Endlich frei von Zwängen

So einen absoluten Blödsinn hab ich ja noch nie gehört, war mein erster Gedanke, als mir meine Ernährungsberaterin empfahl, eine Hypnose zu machen.

Das Problem: Seit ich ein Kind war – also für gute 36 Jahre meines Lebens – habe ich mein Essverhalten nicht unter Kontrolle gehabt, was mich in ernsthafte Schwierigkeiten brachte.

Damit du mich richtig verstehst: Ich rede hier nicht von dem Üblichen „Ich-esse-gelegentlich-zu-viel-und-habe-hierdurch-zugenommen“-Problem. Wenn es nur das gewesen wäre, hätte ich sicher irgendwie damit leben und eventuell auch erfolgreich aus eigener Kraft abnehmen können.

Ich rede eher von DIESEN Dingen:

  • Ich konnte problemlos vier Teller Nudeln essen und hatte danach noch immer Hunger
  • Sobald jemand Worte wie „Pizza“ oder „Eis“ erwähnte, brauchte ich diese Sachen. Im Ernst – wenn ich dann nicht gleich Pizza oder Eis bekommen habe (oder wahlweise Pommes, Burger, Bonbons … du weißt schon ), bin ich völlig durchgedreht. Das ging sogar soweit, dass ich nachts bestellen musste, weil ich mich nicht beruhigen konnte. Doch schon mit dem Aufgeben der Bestellung legte sich meine Panik wieder
  • Was in meinem Kühlschrank war, war mir im Grunde nie gut genug. Das führte dazu, dass ich pro Monat – und jetzt schnall dich an – gut 800 Euro nur für Lebensmittel ausgegeben habe. Nur für mich allein! Ganz zu schweigen davon, dass die gesunden Lebensmittel so lange in meinem Kühlschrank vor sich her gammelten, bis ich sie nur noch entsorgen konnte
  • Reisen und schon kurze Autofahrten von einer Stunde brachten mich völlig aus dem Konzept, denn der Gedanke, dass ich nichts zu Essen habe und möglicherweise ein Stau kommen könnte, machte mich wahnsinnig
  • Auch wenn ich schon so satt war, das nichts mehr rein ging und ich logisch wusste, dass ich nicht mehr weiteressen möchte, sagte mir mein Kopf: „Du musst jetzt!“ und ich aß und aß und aß
  • Ebenfalls war ich – wie drücke ich es jetzt elegant aus: futterneidisch. Ich habe anderen das Essen nicht gegönnt, weil ich einfach immer Appetit bzw. Hunger hatte und der Gedanke, dass jemand anders mehr Essen bekommen könnte als ich, löste in mir Panik aus
  • Ich habe teilweise zweimal täglich beim Lieferservice bestellt, um mein Verlangen nach gewissen Dingen schnell stillen zu können
  • Ich war Tag und Nacht nur mit dem Thema Essen beschäftigt: Mahlzeiten planen, einkaufen oder bestellen, Essen vorbereiten, Essen, während des Essens (oder nachts) schon an die nächsten drei Mahlzeiten denken…

Ich könnte diese Aufzählung endlos fortführen, aber ich will deine Geduld nicht überstrapazieren.  Im Grunde war es also wie bei einem Starkraucher – nur wahrscheinlich sehr viel teurer.

Um die ständigen Gewichtszunahmen zu kompensieren habe ich mich seit meiner Jugend für ganze 18 Jahre nach dem Essen übergeben. Doch irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem es mir zwar gelang, die Bulimie hinter mir zu lassen, meine Esssucht bekam ich aber dennoch nicht in den Griff. Wir brauchen sicher nicht darüber zu reden, dass ich kurz danach aufging wie ein Hefekloß. Ich weiß nicht, ob es dir jemals gelungen ist, 30 Kilo in sechs Monaten zuzunehmen. Ich kann dir versichern, dass es geht und es war für mich nicht einmal besonders anstrengend. Leider!

Aus gesundheitlichen Gründen wurde mir eine Ernährungsberatung empfohlen, die ich auch bereitwillig gemacht habe, denn ich wollte ja gesund sein. Das Problem: Schon nach ein paar Wochen der Ernährungsumstellung war ich fix und fertig, denn was passiert bei einer Ernährungsumstellung? Richtig, du isst nicht nur fast ausschließlich gesund, sondern wirst auch noch „darum gebeten“ deutlich weniger zu essen. Das warf mich in einen Endlos-Kreislauf. Ich schaffte es vor dem Wiegetermin immer zwei Wochen lang durchzuhalten und nahm bis zu fünf Kilo ab. Doch sofort nach dem Wiegen nahm ich die fünf Kilo wieder zu, um dann kurz vor dem nächsten Termin wieder abzunehmen. Ich war in einem Dauer-Stress-Modus, der leider dazu führte, dass ich einen bulimischen Rückfall bekam. Schließlich wollte ich ja beweisen, dass ich es kann, versagte aber immer wieder auf ganzer Linie. Peinlich!

Spätestens an diesem Punkt war dann auch der Ernährungsberaterin klar, dass es mir nicht am Willen mangelt, sondern ich schlichtweg ein tiefliegendes Problem haben muss, welches – wen wundert es – sie in meiner Kindheit vermutete.

Ich war irritiert, denn ich hatte eine gute Kindheit. Deshalb musste ich ehrlicherweise auch immer schmunzeln, wenn mir jemand empfahl, zum Psychologen zu gehen, denn sind wir ehrlich – jeder von uns hat doch seine kleinen Wehwehchen aus der Kindheit und wenn ein Psychologe danach gräbt, gibt er nicht auf, bis er gefunden hat, was er sucht. So wird aus einem kleinen „Aua“ ein großes „Ach du Schei…“ und die Abwärtsspirale nimmt seinen Lauf. Ich denke es wird klar, dass ich kein Freund von Psychologen bin. Oder war. 

Meine Ernährungsberaterin empfahl mir dann, es mit Hypnose zu versuchen, denn da wird auch nach jedem kleinen Wehwehchen gegraben, doch wenn es einmal gefunden ist, wird es sozusagen ausradiert aus den Synapsen. Also im Grunde genau das, was ich brauchte, auch wenn ich es für totalen Bullshit hielt. Da ich gern Neues ausprobiere und alles wissen möchte, kam mir die Hypnose eigentlich ganz gelegen.

An diesem Punkt kam Kevin von der Hypnose in Magdeburg ins Spiel. Schon beim ersten Telefonat merkte ich, dass wir irgendwie auf der selben Wellenlänge unterwegs sind. Das beruhigte mich, denn ich mag mich nicht von jemandem behandeln lassen, der mir nicht sympathisch ist. Dir geht es sicher genauso.  Das Vorgespräch war sehr informativ, aber um ehrlich zu sein, hatte ich noch immer große Zweifel, ob Kevin mir den Teufel austreiben kann.

Zwei Monate später kann ich sagen – er konnte, und das schon in der ersten Sitzung (auch wenn wir zur Sicherheit noch zwei weitere Termine vereinbarten), Um dir die Angst etwas zu nehmen, möchte ich dir kurz verraten, was bei diesem Termin passierte:

Mein Kopf weigerte sich zunächst ein wenig, in Hypnose zu gehen, aber letztendlich war ich doch bereit dazu, mich darauf einzulassen, auch wenn ich – wie drücke ich es elegant aus? – nicht an diesen Schwachsinn glaubte. Was dann passierte, war ein wenig irre, denn eigentlich hatte ich nicht das Gefühl, schon tief genug in Trance zu sein, weil … ich noch wach war. Wie sich herausstellte, schläft man in Hypnose also nicht, sondern ist ganz bei Sinnen. Mir wurde klar, dass ich überhaupt keine Angst haben muss, die Kontrolle zu verlieren oder gleich wie ein Huhn zu gackern oder Schlimmeres. Ich hatte nur ein leicht matschiges Gefühl in der Birne, aber das war ganz angenehm, um ehrlich zu sein. Witzigerweise habe ich an einem Punkt Kevins Arm an meinem gespürt. Es fühlte sich weich und angenehm warm an und obwohl ich genau wusste, was das war, tauchte in dieser Situation ein Bild meiner Katze auf, die auf meinem Arm lag. Das war vielleicht verrückt, kann ich dir sagen.

Ich sollte mir nun das Gefühl vorstellen, was ich immer habe, wenn ich esse. Nachdem ich bewusst versucht habe, mit meinen Gedanken zu spielen und sie aktiv zu beeinflussen (ein bisschen Härtetest muss ja sein), kam ziemlich schnell ein Gefühl von Einsamkeit in mir auf. Ich erinnere mich noch genau, wie ich dachte: Mmh, gelegentlich wundere ich mich, warum ich mich einsam fühle, obwohl ich es nicht bin. 

Doch ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, sollte ich in Gedanken an den Punkt in meinem Leben zurückgehen, an dem dieses Gefühl zum ersten Mal aufkam. Was dann passierte, war an Absurdität für mich nicht zu übertreffen, denn ich sah mich als kleines Mädchen mit zwei Jahren auf einer Wiese am Wasser stehen, gemeinsam mit meiner Oma. Mein Wasserball fiel in den See und trieb davon. Ich sah ihn niemals wieder. Das machte mich so traurig, dass ich in Hypnose begann zu weinen, doch Kevin fing mich sofort auf, sodass ich mich schnell wieder beruhigte. Besonders interessant war, dass in dieser Erinnerung auch kleine Entenküken auftauchten, die ich aber für so unwichtig hielt, dass ich sie nicht erwähnte. Da ahnte ich noch nicht, wie wichtig diese Küken noch werden würden.

Gut, ich war also einsam, weil mein Wasserball verlorenging und mich im Alter von zwei Jahren einfach allein gelassen hat. Wie konnte der nur, dieser Ars… Kevin leitete mich sehr gut an, damit es mir gelang, dieses Problem zu verarbeiten und holte mich aus der Hypnose zurück.

Ich will ganz ehrlich sein – als ich aus dem Termin ging und in mein Auto stieg, fing ich laut an zu lachen, schaute in meinen Rückspiegel und schlug mir mit der Hand an die Stirn mit den Worten: „Alter Falter, bist du Banane. Das kann doch nicht wirklich das Problem gewesen sein.“

Doch, war es! So lustig das auch klingen mag und so dümmlich mir das auch heute noch erscheint – offensichtlich war das für mein zweijähriges Ich eine wahre Katastrophe, die mich bis heute unbewusst beschäftigte. Mein Essverhalten war also scheinbar eine Zwangshandlung, die ich – so gut ich es auch versuchte – einfach nicht unter Kontrolle halten konnte.

Nachdem ich einige Zeit für mich hatte, rief ich meine Mama an und erzählte ihr von der Hypnose. Was dann passierte, machte aus der vermeintlich so harmlosen Situation aber etwas wirklich Relevantes. Meine Mama erzählte mir, dass das kein Wasserball war, den ich verloren hatte. Oma und Opa haben mir in diesem Urlaub meinen Schnuller weggenommen und mir erzählt, die Entenküken würden den jetzt brauchen und weil ich nun schon groß bin, brauche ich ihn nicht mehr. Erinnerst du dich an die Entenküken? Jetzt schloss sich also der Kreis. Sie erzählte mir auch, dass ich ein halbes Jahr nach diesem Ereignis einen Schnuller für meine Puppe haben wollte, den ich nur unter der Voraussetzung bekam, dass ich selbst ihn nicht nutzen würde. Willst du raten, wer den Schnuller benutzt hat? Richtig, ich. Und ich weiß auch noch sehr genau, dass ich selbst mit neun Jahren noch heimlich meinen Schnuller hatte, bis ich selbst bereit war, mich zu trennen. Wer hätte also gedacht, dass ein kleiner Schnuller ein solches Problem verursachen kann? Ich jedenfalls nicht! Du etwa?

Was ich dir damit sagen möchte – es ist egal, wie groß oder wie klein, wie absurd oder wie relevant dein Problem ist und wie dumm du dir möglicherweise vorkommen wirst. Fakt ist, dein Problem kann mit der Hypnose gelöst werden. Und wenn du hinterher darüber lachen kannst, umso besser.

Für mich war die Hypnose eine der interessantesten und schönsten Erfahrungen in meinem Leben. Ich habe gemerkt, dass mich auch die Selbsthypnose, die ich seitdem jeden Tag mache, so sehr entspannt, dass ich gern freiwillig zur Ruhe kommen möchte. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich im Grunde immer renne wie ein Uhrwerk auf Koffein. Die Selbsthypnose gibt mir eine tägliche Auszeit vom Alltag und die Gelegenheit, komplett herunterzufahren. Herrlich!

Ist eine Hypnose denn nicht unheimlich teuer? Das fragst du dich doch gerade, oder? Um ehrlich zu sein habe ich mich das auch gefragt und ja, günstig ist es natürlich nicht. Das muss ich zugeben. Da ich nicht zuletzt wegen meiner hohen Lebensmittelkosten finanziell eigentlich immer am Limit lebte, musste ich auch wirklich dreimal überlegen, ob ich das Geld ausgeben möchte. Rückblickend kann ich sagen, dass ich in meinem Leben für ziemlich viele dumme Dinge unnötig Geld verpulvert habe. Diese Investition in die Hypnose war hingegen die beste, die ich je gemacht habe, auch wenn einem ein guter Hypnotiseur im Vorfeld niemals versprechen wird, dass es zu hundert Prozent klappt, ein Problem aufzulösen. Meine Einstellung dazu war allerdings: Und selbst wenn es sich nur ein bisschen bessert, ist mir schon sehr geholfen.

Was soll ich sagen? Mein Leben hat sich seither komplett verändert. Ich verbringe meine Tage nicht mehr mit Essen oder mit dem Gedanken an Lebensmittel und ich verschwende mein Geld auch nicht mehr für Pizza, Burger und Co. Heute öffne ich meinen Kühlschrank und esse, was gerade da ist. Worte wie „Schokolade“ triggern mich nicht mehr. Ich muss also nicht mehr augenblicklich einkaufen gehen oder Essen bestellen. Neulich hatte ich es sogar mit meinem persönlichen Endgegner zu tun: Nudelsalat beim Grillabend mit Freunden. Er war lecker, sehr sogar. Aber ich habe dennoch nur einen Teller davon gegessen, ohne mich dazu zwingen zu müssen. Die Süßigkeiten, die den ganzen Abend direkt vor meiner Nase standen, ignorierte ich sogar ganz. Lange Fahrten lösen keine Panik mehr in mir aus. Wenn ich nichts zu essen bekomme, ist das eben so und das Magenknurren, was ich früher immer als bedrohlich empfunden habe, fühlt sich auf einmal sogar recht angenehm an. Ich lasse mir auch nicht mehr von meinem Kopf erzählen, dass ich noch essen muss, auch wenn ich es nicht mehr möchte.

Was ich dir empfehlen möchte? Es kann beängstigend sein, nicht zu wissen, warum man sich „originell“ verhält. Und es kann sogar gefährlich werden. Man kommt sich manchmal dumm vor, manchmal überflüssig oder ungeliebt. Doch die Hypnose hat mir eine Chance geboten, ein vollkommen neues Leben zu leben und daher möchte ich dir wärmstens ans Herz legen, es wenigstens zu versuchen, auch wenn du Angst hast oder auch im ersten Moment denkst, dass dieser „Schwachsinn“ dir nicht helfen wird. Suche dir unbedingt einen gut ausgebildeten Hypnotiseur, der zusätzlich eine psychologische Ausbildung hat. Das war mir persönlich trotz meiner Einstellung zu Psychologen sehr wichtig, weil ich sicherstellen wollte, dass der Therapeut im Ernstfall in der Lage ist, adäquat zu handeln.

Ich möchte an dieser Stelle keine Empfehlung für einen Hypnotiseur aussprechen. Okay, das war gelogen. Natürlich möchte ich.  Kevin ist der Mann fürs Grobe und Feine. Aber es gibt auch ganz viele andere tolle Therapeuten, die dir helfen können. Wichtig ist, dass du den ersten Schritt machst und dein Leben in die Hand nimmst.

Ich hoffe, dir mit meinem ausführlichen Erfahrungsbericht geholfen zu haben. Es war mir sehr wichtig, nicht nur eine 0-8-15-Bewertung abzugeben, denn ich hätte in wenigen Worten nicht beschreiben können, was in mir vorgeht und was Hypnose wirklich ist.

Außerdem hoffe ich, dass du deinen Weg gehen wirst und dein Leben zurückerobern kannst. Das ist ein tolles Gefühl, kann ich dir sagen.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute.

Deine Anja

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